SchriftartenSeptember 25, 2026 · 13 Min. Lesezeit

Fraktur, Kurrent, Sütterlin: der Unterschied in einer Tabelle

Fraktur ist eine gebrochene Druckschrift, Kurrent und Sütterlin sind deutsche Schreibschriften: Fraktur wurde ab dem 16. Jahrhundert gedruckt, Kurrent bis ins 20. Jahrhundert mit der Hand geschrieben, und Sütterlin ist deren aufrechte Schulform von 1911. Nur Fraktur gibt es als Unicode-Zeichen zum Kopieren.

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Die erste Frage ist nie, wie alt das Dokument ist — sondern ob es gedruckt oder geschrieben wurde. Daran hängt alles Weitere: gedruckt kommen nur die gebrochenen Druckschriften infrage (Textura, Rotunda, Schwabacher, Fraktur), geschrieben nur die deutschen Schreibschriften (Kurrent, Sütterlin, Offenbacher). Diese Seite ist der Bestimmungsschlüssel dazu — mit den Merkmalen, an denen man sie tatsächlich auseinanderhält, der vollständigen Regel für das lange ſ und 141 Zeichen aus dem alten Satz zum Kopieren, von den Ligaturen bis zu den Symbolen aus Kirchenbüchern.

Fraktur, Kurrent, Sütterlin: der Unterschied auf einen Blick

Fraktur wird gedruckt, Kurrent und Sütterlin werden mit der Hand geschrieben — und nur Fraktur gibt es als Unicode-Zeichen zum Kopieren. Die Tabelle fasst die drei Schriften zusammen, die im Alltag am häufigsten verwechselt werden:

Merkmal Fraktur Kurrent Sütterlin
Art Druckschrift Schreibschrift Schreibschrift (Schulschrift)
Zeitraum ab dem frühen 16. Jahrhundert, amtlich bis 1941 vom 16. bis ins 20. Jahrhundert 1911 entworfen, an Schulen etwa 1915 bis 1941
Wofür benutzt Bücher, Zeitungen, Urkunden, Schilder Briefe, Kirchenbücher, Akten Schulhefte, Briefe, Postkarten
Aussehen gebrochene Bögen, Buchstaben stehen einzeln stark schräg, spitz, schmal aufrecht, runder, gleichmäßige Strichstärke
In Unicode? ja, als mathematische Fraktur (ab U+1D504) nein nein
Beispiel 𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯 · 𝕱𝖗𝖆𝖐𝖙𝖚𝖗 nur als Bild oder Schriftdatei nur als Bild oder Schriftdatei
Unterschied Fraktur, Kurrent und Sütterlin: Fraktur ist gedruckt und als Unicode kopierbar, Kurrent und Sütterlin sind Handschrift
Die wichtigste Trennlinie: Fraktur ist eine Druckschrift, Kurrent und Sütterlin sind Handschriften.

Der Bestimmungsschlüssel in drei Fragen

Man braucht dafür kein Vorwissen, nur einen genauen Blick auf drei Dinge.

  1. Sind die Buchstaben absolut gleichmäßig? Dann ist es gedruckt. Jedes „e“ sieht aus wie jedes andere „e“, jeder Wortabstand ist derselbe. Handschrift schwankt immer, und sei es minimal. → weiter bei den Druckschriften.
  2. Sind die Buchstaben eines Wortes miteinander verbunden? Dann ist es geschrieben. Die gebrochenen Druckschriften verbinden nie; jeder Buchstabe steht für sich. → weiter bei den Schreibschriften.
  3. Sind die Bögen gebrochen oder rund? Ein „o“, dessen linke Seite aus zwei geraden Strichen mit einem Knick besteht, gehört zur gebrochenen Familie. Ein rundes „o“ ohne Knick ist Antiqua — also die ganz normale lateinische Druckschrift, und dann ist die Frage nach Fraktur schon beantwortet.

Wer bereits weiß, dass es Sütterlin ist, findet die ausführliche Seite dazu unter Sütterlin Schrift. Wer den Oberbegriff sucht und den Generator dazu, ist bei der altdeutschen Schrift richtig. Diese Seite hier macht nur eines: unterscheiden.

Die vier gebrochenen Druckschriften

„Gebrochen“ heißt, dass die Rundungen nicht durchlaufen, sondern in gerade Teilstücke zerlegt sind — daher auch der Name Fraktur, von lateinisch frangere, brechen. Vier Familien muss man auseinanderhalten:

Schrift Zeit Woran man sie erkennt Kurzprobe
Textura 12.–15. Jh. Sehr schmal und sehr steil, fast nur senkrechte Striche. Die Füße sind schräg abgeschnitten und bilden kleine Rauten. Das „o“ hat gar keine Rundung mehr. Die Schrift der Gutenberg-Bibel. Wirkt wie ein Gitter oder Zaun
Rotunda 14.–16. Jh. Deutlich runder als Textura, die Bögen sind nur angebrochen. Kam aus Italien und Spanien und wurde im Süden gedruckt. Rund, aber trotzdem gotisch
Schwabacher ca. 1470–1530 Breiter und runder als Fraktur, die Kleinbuchstaben wirken fast freundlich. Das „o“ ist links noch rund. Die Großbuchstaben sind voll und schlicht, ohne Schnörkel. War vor der Fraktur die deutsche Standard-Drucktype. Keine Rüssel an den Großbuchstaben
Fraktur ab ca. 1513 Schmaler und spitzer als Schwabacher. Entscheidendes Merkmal: der Elefantenrüssel — ein geschwungener Anstrich, der an vielen Großbuchstaben wie ein Rüssel nach links herunterhängt. Entstanden im Umkreis Kaiser Maximilians I. Rüssel an den Großbuchstaben

Der Elefantenrüssel ist der zuverlässigste Test überhaupt. Schau dir ein großes B, C, D, G oder O an: hängt links ein geschwungener Fortsatz herunter, der aussieht, als würde der Buchstabe etwas greifen wollen, ist es Fraktur. Fehlt er und sind die Großbuchstaben rund und satt, ist es Schwabacher.

In der Praxis stehen die beiden oft nebeneinander: deutsche Drucke setzten den Fließtext in Fraktur und einzelne hervorgehobene Wörter in Schwabacher — das war die damalige Art, etwas zu betonen, so wie wir heute kursiv setzen. Wer also in einem alten Buch zwei „verschiedene Schriften“ entdeckt, hat meistens genau das vor sich und keinen Druckfehler.

Die drei deutschen Schreibschriften

Bei der Handschrift liegen nur rund dreißig Jahre zwischen den beiden wichtigsten Formen — deshalb wird hier am meisten verwechselt.

Schrift Zeit Woran man sie erkennt Kurzprobe
Deutsche Kurrent ab dem frühen 16. Jh. bis ins 20. Jh. Stark nach rechts geneigt, schmal, spitz. Die Striche sind unterschiedlich dick, weil mit spitzer Feder geschrieben wurde: Abstriche breit, Aufstriche haarfein. Schräg und spitz
Sütterlin ab 1911 entworfen, ab 1915 in preußischen Schulen Aufrecht statt schräg, und überall gleich dick, weil sie für eine runde Feder gemacht wurde. Die Formen sind runder und vereinfacht, besonders die Großbuchstaben. Senkrecht und gleichmäßig
Offenbacher Schrift 1927, von Rudolf Koch Ein dritter Reformversuch, freier und kalligrafischer als Sütterlin, mit deutlicherem Strichkontrast. Blieb in den Schulen die Ausnahme. Selten, wirkt gezeichnet

Der schnellste Test: Lege ein Lineal gedanklich senkrecht an einen langen Abstrich. Steht er aufrecht, ist es Sütterlin. Kippt er deutlich nach rechts, ist es Kurrent. Der zweite Test ist die Strichstärke: wechselt sie innerhalb eines Buchstabens von breit auf haarfein, ist es Kurrent.

Und eine Einordnung, die viel Verwirrung erspart: Sütterlin ist keine eigene Schriftfamilie, sondern eine Schulform der Kurrent. Es ist dieselbe Linie, nur begradigt und für Kinderhände vereinfacht.

Die Buchstaben, an denen alle scheitern

Beim Lesen einer deutschen Handschrift scheitert man selten am ganzen Wort, sondern immer an denselben fünf Stellen.

Buchstabe Wie er aussieht Warum er Probleme macht
e Zwei kurze senkrechte Striche nebeneinander, unten verbunden. Wird als n gelesen oder als ein Teil des Nachbarbuchstabens verschluckt. Das e ist der häufigste Buchstabe im Deutschen — wer ihn falsch liest, liest gar nichts.
n Sieht aus wie ein modernes u. Genau umgekehrt zur Erwartung. Merksatz: was wie u aussieht, ist n.
u Wie n, aber mit einem kleinen Bogen darüber, dem u-Bogen. Der Bogen ist kein Umlautzeichen und kein Fleck. Er ist der einzige Unterschied zum n und wurde genau dafür erfunden.
h Oberlänge mit Schlaufe, dazu eine Schlaufe unter der Zeile. Wird mit f verwechselt. Das f hat zusätzlich einen Querstrich; das h hat keinen.
ſ und s Zwei völlig verschiedene Zeichen für denselben Laut. Das lange ſ steht am Silbenanfang und im Silbeninneren, das runde s am Silbenende — dieselbe Regel wie im Druck. Siehe den nächsten Abschnitt.

Wenn ein Wort aussieht wie ein Lattenzaun aus lauter gleichen Bögen, liegt es an m, n, u und w: alle vier bestehen aus denselben Grundstrichen. Zähle die Bögen und suche den u-Bogen — das löst die meisten dieser Fälle.

Die Regel für das lange ſ, vollständig

Diese Regel gilt in Fraktur und in Kurrent gleichermaßen, und sie ist kein Geschmack, sondern Rechtschreibung. Sie hat drei Teile:

  • Am Silbenanfang und im Silbeninneren steht ſ. leſen, Roſe, Fenſter, Kunſt.
  • Am Silbenende und am Wortende steht das runde s. Haus, Glas, Eis, das.
  • Bei zusammengesetzten Wörtern zählt die Fuge. Haus + Schuh wird zu Hausſchuh: rundes s, weil Haus endet, dann ſ, weil Schuh beginnt.

Genau daraus entsteht der berühmte Fall, an dem man sieht, dass die Regel keine Schikane war, sondern Information trug:

In Fraktur Was es bedeutet
𝔚𝔞𝔠𝔥ſ𝔱𝔲𝔟𝔢 Wach-Stube — der Raum der Wache. ſ, weil Stube mit S beginnt.
𝔚𝔞𝔠𝔥𝔰𝔱𝔲𝔟𝔢 Wachs-Tube — die Tube Wachs. Rundes s, weil die Silbe Wachs auf s endet.
𝔎𝔯𝔢𝔦ſ𝔠𝔥𝔢𝔫 krei-ſchen — das schrille Geräusch.
𝔎𝔯𝔢𝔦𝔰𝔠𝔥𝔢𝔫 Kreis-chen — der kleine Kreis.
𝔴𝔞𝔠𝔥ſ𝔢𝔫 wach-ſen — größer werden.
𝔚𝔞𝔠𝔥𝔰 das Material. Am Wortende immer rundes s.
𝔙𝔢𝔯ſ𝔢𝔫𝔡𝔲𝔫𝔤 ver-ſen-dung — ſ am Silbenanfang.
ℜö𝔰𝔠𝔥𝔢𝔫 Rös-chen — die kleine Rose, rundes s.

Ein heutiger Leser sieht „Wachstube“ und muss raten. Ein Leser von 1900 sah sofort, ob die Wache gemeint war oder das Wachs. Dieselbe Unterscheidung steckt in Kreiſchen und Kreischen. Als 1941 die gebrochenen Schriften abgeschafft wurden, ging diese Information verloren — sie ist der einzige Teil der alten Rechtschreibung, dessen Verlust wirklich etwas gekostet hat.

30 Wörter mit richtig gesetztem ſ zum Kopieren

Alle in Fraktur, alle nach der Regel oben gesetzt. Zum Vergleichen, Üben oder Abschreiben.

In Fraktur Heute Warum so
𝔖𝔬𝔫𝔫𝔢 Sonne ſ steht hier nicht — das S am Wortanfang ist ein großes S
ſ𝔢𝔥𝔢𝔫 sehen ſ am Wortanfang
𝔉𝔢𝔫ſ𝔱𝔢𝔯 Fenster Fen-ſter: ſ im Silbeninneren
𝔐𝔢𝔦ſ𝔱𝔢𝔯 Meister Mei-ſter
𝔚𝔢ſ𝔭𝔢 Wespe We-ſpe, ſ vor p im selben Stamm
𝔎𝔲𝔫ſ𝔱 Kunst ſ im Silbeninneren
𝔢𝔯𝔫ſ𝔱 ernst ſ im Silbeninneren
𝔚𝔞ſſ𝔢𝔯 Wasser Waſ-ſer: doppeltes ſſ
𝔴𝔦ſſ𝔢𝔫 wissen doppeltes ſſ
𝔪üſſ𝔢𝔫 müssen doppeltes ſſ
𝔩𝔢ſ𝔢𝔫 lesen le-ſen
ℜ𝔬ſ𝔢 Rose Ro-ſe
𝔑𝔞ſ𝔢 Nase Na-ſe
𝔚𝔦𝔢ſ𝔢 Wiese Wie-ſe
𝔅𝔢ſ𝔢𝔫 Besen Be-ſen
ℌ𝔞𝔲𝔰 Haus rundes s am Wortende
𝔊𝔩𝔞𝔰 Glas rundes s am Wortende
𝔎𝔯𝔢𝔦𝔰 Kreis rundes s am Wortende
𝔈𝔦𝔰 Eis rundes s am Wortende
𝔡𝔞𝔰 das rundes s am Wortende
𝔞𝔲𝔰 aus rundes s am Wortende
ℌ𝔞𝔲𝔰ſ𝔠𝔥𝔲𝔥 Hausschuh Haus + Schuh: erst rundes s, dann ſ
𝔄𝔲𝔰ſ𝔱𝔢𝔩𝔩𝔲𝔫𝔤 Ausstellung Aus + ſtellung
𝔚𝔞𝔠𝔥𝔰𝔱𝔲𝔪 Wachstum Wachs-tum: rundes s, weil die Silbe auf s endet
ℌä𝔲𝔰𝔠𝔥𝔢𝔫 Häuschen Häus-chen: rundes s vor der Silbe chen
𝔎𝔦𝔯ſ𝔠𝔥𝔢𝔫 Kirschen Kir-ſchen
𝔄𝔲𝔰𝔩𝔢ſ𝔢 Auslese Aus-le-ſe: erst rundes s, dann ſ
𝔉𝔲ß𝔤ä𝔫𝔤𝔢𝔯 Fußgänger ß bleibt ß
𝔤𝔯𝔬ß groß ß am Wortende
𝔴𝔢𝔦ß weiß ß am Wortende
Zwei Frakturwörter nebeneinander: Wachſtube mit langem s bedeutet Wach-Stube, Wachstube mit rundem s bedeutet Wachs-Tube
Dasselbe Wort, zwei Bedeutungen — im Fraktursatz war der Unterschied sichtbar.

Ligaturen: warum ch, ck und tz zusammenhängen

Im alten Satz wurden bestimmte Buchstabenpaare aus einem Stück Blei gesetzt, weil sie sonst kollidiert wären oder weil sie als Einheit gelesen wurden. Das ist keine Verzierung, sondern Technik.

  • ch, ck, tz hängen zusammen, weil sie im Deutschen einen Laut bezeichnen. Sie werden in der Silbentrennung auch nicht getrennt.
  • ſt und ſſ hängen zusammen, weil der Kopf des langen ſ sonst in den Nachbarbuchstaben ragen würde.
  • ß ist selbst eine Ligatur: ursprünglich ſ plus z, im Fraktursatz gut zu erkennen. Deshalb heißt der Buchstabe bis heute „Eszett“.

Eine Warnung zum Kopieren: die fertigen Ligaturzeichen ſt st ff fi fl sind in Unicode vorhanden, werden aber von Suchfunktionen nicht als „st“ oder „fi“ gefunden. Für Zierschrift sind sie in Ordnung, für Text, den jemand durchsuchen soll, nicht.

Zeichen, die es nur im alten Satz gibt

Wer ein altes Buch oder ein Kirchenbuch entziffert, stolpert über Zeichen, die es heute nicht mehr gibt. Die wichtigsten drei:

  • ⸗ der Doppelbindestrich. Der schräge Doppelstrich am Zeilenende ist der Trennstrich des Frakturssatzes. Er bedeutet dasselbe wie unser heutiger Bindestrich und nichts anderes.
  • ☞ die Hand. Kein Schmuck, sondern eine Fußnote in Zeigefingerform: „hier aufpassen“. In Randbemerkungen und Verordnungen sehr häufig.
  • ꝛ das runde r. Nach runden Buchstaben wie o oder b wurde ein anderes r gesetzt. Es sieht aus wie eine 2 und wird trotzdem r gelesen.

Alte Buchstabenformen und Abkürzungszeichen

Der Balken über einem Vokal (ā, ē, ō) ersetzt ein folgendes n oder m — eine Platzersparnis aus der Handschriftenzeit, die in den frühen Druck übernommen wurde. „vō“ ist also von, „dē“ ist dem oder den, „mā“ ist man. Welches von beiden gemeint ist, entscheidet der Satz. Die Buchstaben mit Strich durch die Unterlänge (ꝑ, ꝗ) sind lateinische Kürzel, die in deutschen Urkunden mitliefen.

Zeichen aus Kirchenbüchern und Stammbäumen

Diese Gruppe braucht jeder, der Familienpapiere liest. Sie ist bis heute in der Genealogie in Gebrauch:

Zeichen Bedeutung
✳ geboren
~ getauft
⚭ verheiratet
⚮ geschieden
⚯ unverheiratete Verbindung
† gestorben
⚰ begraben
⚱ eingeäschert
⚔ gefallen
♂ ♀ männlich, weiblich

Die Tabelle nennt die Bedeutungen; im Raster stehen zusätzlich die gebräuchlichen Kreuzformen, weil Grabsteine und Sterbeeinträge nicht immer dasselbe Kreuz verwenden.

Warum überhaupt gestritten wurde: Fraktur gegen Antiqua

Dass Deutschland zwei Druckschriften parallel benutzte — Fraktur für deutsche Texte, Antiqua für fremdsprachige und wissenschaftliche — war jahrhundertelang normal. Im 19. Jahrhundert wurde daraus ein handfester Streit: Soll Deutsch weiter gebrochen gesetzt werden oder lateinisch wie der Rest Europas?

Die Argumente waren praktisch und ideologisch zugleich. Für die Antiqua sprach, dass niemand außerhalb des deutschen Sprachraums Fraktur lesen konnte; Jacob Grimm gehörte zu ihren prominenten Befürwortern. Für die Fraktur sprach die Gewohnheit und ein Gefühl von Eigenständigkeit — von Bismarck ist der Satz überliefert, deutsche Bücher in lateinischen Buchstaben lese er nicht.

1911 landete die Frage im Reichstag. Ein Antrag, die Antiqua in den Schulen einzuführen, wurde abgelehnt; die Fraktur blieb. Entschieden wurde der Streit erst dreißig Jahre später, und zwar von der Seite, die man am wenigsten erwartet hätte: 1941 schaffte das NS-Regime die gebrochenen Schriften per Erlass ab — mit einer frei erfundenen Begründung über deren Herkunft. Der praktische Grund war banal: in den besetzten Gebieten konnte die Schrift niemand lesen.

Wie sich dieser Erlass auf den Schulunterricht auswirkte, steht ausführlicher auf der oben verlinkten Seite zur Sütterlinschrift.

Ein Dokument grob einordnen

Aus alldem lässt sich eine Faustregel bauen. Sie ist nicht exakt, aber sie stimmt in den meisten Fällen:

Was du vor dir hast Wahrscheinlich
Gedrucktes Buch, deutscher Text, vor 1941 Mit hoher Wahrscheinlichkeit Fraktur
Gedruckt, Textura-artig eng und rautenfüßig Sehr alt — 15. Jahrhundert oder eine bewusste Nachahmung
Gedruckt, breit und rund, ohne Rüssel Schwabacher, meist vor 1530 oder als Auszeichnungsschrift
Handschrift, schräg und spitz, vor 1915 Kurrent
Handschrift, aufrecht und gleichmäßig, 1915–1941 Sütterlin
Handschrift nach 1941 Lateinische Ausgangsschrift — aber wer Kurrent gelernt hatte, schrieb sie weiter
Dänischer oder norwegischer Druck „Gotisk skrift“, dort bis etwa 1875 üblich

Zwei Einschränkungen dazu. Erstens war die Schweiz früher dran als Deutschland: dort verschwand die Kurrent aus den Schulen schon im frühen 20. Jahrhundert. Zweitens hörte niemand 1941 von einem Tag auf den anderen auf: Briefe in Sütterlin gibt es bis weit in die Nachkriegszeit, geschrieben von Menschen, die nie etwas anderes gelernt hatten.

Fertige Zeilen in Fraktur

Formeln, wie sie auf Urkunden, Widmungen und Grabinschriften stehen — zum Kopieren, mit korrekt gesetztem ſ.

Häufige Fragen

Sind Kurrent und Sütterlin dasselbe?

Nein, aber fast. Sütterlin ist die vereinfachte Schulform der deutschen Kurrent: aufrecht statt schräg und mit gleichbleibender Strichstärke. Alles Übrige ist dieselbe Schriftlinie.

Ist Fraktur eine Handschrift?

Nein. Fraktur ist eine Druckschrift, ihre Buchstaben stehen einzeln und sind nie verbunden. Wenn die Buchstaben in einem Wort zusammenhängen, hast du Kurrent oder Sütterlin vor dir.

Was ist der Unterschied zwischen Antiqua und Fraktur?

Antiqua ist die runde lateinische Druckschrift, in der dieser Satz gesetzt ist. Fraktur ist gebrochen: die Rundungen sind in gerade Teilstücke zerlegt. Deutsche Drucke benutzten jahrhundertelang beides nebeneinander — Fraktur für Deutsch, Antiqua für Latein und Fremdwörter.

Woran erkenne ich Fraktur und Schwabacher auseinander?

Am Elefantenrüssel: bei Fraktur hängt an vielen Großbuchstaben links ein geschwungener Fortsatz herunter. Schwabacher hat ihn nicht und wirkt insgesamt breiter und runder.

Warum steht in alten Büchern manchmal ein f statt eines s?

Das ist kein f, sondern das lange ſ. Der Unterschied: dem f geht der Querstrich ganz durch, dem ſ fehlt er oder er ragt nur links heraus.

Kann ich Kurrent oder Sütterlin hier kopieren?

Nein, und kein anderer Generator kann das auch. Für diese beiden Schreibschriften gibt es keine Unicode-Zeichen — sie existieren nur als Schriftdatei oder als Handschrift. Kopierbar ist ausschließlich die Fraktur.

Den Generator für Fraktur und alle anderen Stile findest du auf der Startseite von SchriftGen. Für einzelne Sonderzeichen und ihre Tastenkürzel: Sonderzeichen auf der Tastatur. Für griechische Buchstaben in wissenschaftlichen Texten: griechisches Alphabet.